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Mein Leben im „roten Licht“ von Sonagachi

Allgemein

27. April 2016

Dies ist die Geschichte von Munni, einer Sexarbeiterin in Sonagachi, dem größten Rotlicht-Bezirk in Kolkata, Indien. In Sonagachi, übersetzt so viel wie „Goldener Baum“, befinden sich in engen Gassen mehrere hundert Bordelle, in denen geschätzte 10.000 SexarbeiterInnen leben. Der Rotlichtdistrikt wurde insbesondere durch den Dokumentarfilm „Born into Brothels: Calcutta’s Red Light Kids“, der 2004 den Oscar für den besten Dokumentarfilm gewonnen hat.

UNODC (United Nations Office for Drugs and Crime) hat die 16jährige Munni interviewt. Darüber wie sie in die Fänge von Menschenhändler gelang, ihre Flucht und Rückkehr ins Bordell und wie der Handel mit der Ware Frau und Kind funktioniert.

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UNODC: Kannst du uns erzählen wie du so jung schon im Bordell gelandet bist?

Munni: Ich bin aus Bangladesch und bin hierher gekommen als ich 10 Jahre alt war. Den Leuten erzähle ich, dass ich ein Hindu bin und Munni heiße. Ich bin 16 Jahr alt, sage aber, dass ich 20 bin. Ich bin nun seit 5 Jahren hier und das ist mein Zuhause. Ich habe keine Familie. „Ma“ (die Zuhälterin) ist meine Familie. Sie schaut nach mir, gibt mir zu Essen und kauft mir Saris (Kleider) für die Durga Puja. Eigentlich für das Geschäft, weil ich für sie arbeiten muss. Als ich klein war, kam ein Mann in mein Haus und versprach mir, er würde mich in einen Palast bringen. Ich würde einen Prinzen heiraten, aber ich müsste alles tun, was er sagt. Er brachte mich nach Kolkata und hat mich hier im schmutzigsten Bordell zurückgelassen und versprochen er würde mich wieder holen. Nur gekommen ist er nie mehr wieder.

UNODC: Wurdest du im ersten Bordell gut behandelt?

Munni: Das Bordell gehörte einer dicken Frau und wir nannten sie „Tante“ auf Bengali. Zuerst hat sie mich gebadet und gefüttert. Ich bekam ein Bett zum Schlafen und saubere Kleidung. Ich war glücklich unter so freundlichen Menschen zu sein. Doch am dritten Tag hat sie mich geschminkt und hat mich mit 20 anderen Mädchen Männern vorgeführt. Zuerst habe ich nicht verstanden, worum es ging. Ich dachte, sie würden den Mädchen ein neues Zuhause bieten. Doch dann verstand ich, und versuchte zu fliehen. Sie fingen mich aber und sperrten mich für eine Woche in ein finsteres Zimmer und schlugen mich mit einem dicken Holzstock, aber sie passten auf, sie würden mich nicht ins Gesicht, die Brust, den Bauch und die Schenkel schlagen, da mich sonst keiner mehr auswählen würde. Eines Nachts war die „Tante“ so betrunken, dass sie schlief und ihr Bruder war in einem anderen Bordell. Also lief ich, so schnell ich konnte, weg. Ich sah einen Polizisten und erzählte ihm meine Geschichte. Er versprach mir zu helfen. Doch er und drei seiner Freunde vergewaltigten mich. Also kehrte ich zurück nach Sonagachi und fand eine neue Tante.

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UNODC: Wie viele Freier besuchen dich am Tag? Wie sind diese Männer und wie läuft das Geschäft?

Munni: In diesem Bordell gibt es 20-24 Mädchen und 10 Zimmer. Nicht alle der Mädchen arbeiten für die Tante. Einige kommen nur zum Tratschen, weil das Geschäft heutzutage nicht gut läuft. Einige arbeiten für sich selbst und mieten ein Zimmer in Sonagachi für 5.000 Rupien/Monat (= ca. 70 EUR). Noch vor zwei Jahren hatten wir zusammen ca. 15 Kunden/Tag. Ich hatte in den geschäftigsten Zeiten 3-4 Freier am Tag. Früher habe ich 1.000-1.500 Rupien (= ca.14-21 EUR) für eine Stunde verlangt. Doch es gab auch Mädchen, die verlangten auch bis zu 6.5000 Rupien/Stunde (= ca. 93 EUR). Heute aber können wir nur noch 500 Rupien/Freier und Stunde (= ca. 7 EUR) verlangen. 50% des Geldes geht an die Tante. Die Freier müssen darüber hinaus nochmals 25% an die Tante bezahlen. Meistens sind es Studenten, Rechtsanwälte, verheiratete Männer, einige goras (=Ausländer), Restaurantbesitzer und Taxifahrer. Manchmal kommt die Polizei und führt eine Razzia durch, doch die Tante gibt ihnen einfach etwas Geld und bietet ihnen die besten Mädchen kostenlos an, dann läuft wieder alles so wie bisher.

Seitdem das Geschäft nicht mehr gut läuft, sind wir schon um 11 Uhr morgens auf der Straße und halten nach Freiern Ausschau. Die Konkurrenz ist groß. Fast jeden Tag bringen dalals (Menschenhändler) 5-10 neue Mädchen, oft nur 7 Jahre alt. Die Bordelle füllen sich und wir sind dazu gezwungen uns anderweitig nach Geschäft umzusehen.

UNODC: Wir wissen, dass es NGOs gibt, die in Sonagachi arbeiten und über HIV und AIDS aufklären. Weißt du darüber Bescheid?

Munni: Hier gibt es viele NGOs. Sie halten regelmäßig Workshops und Versammlungen über HIV und AIDS und auch über unsere Rechte. Wir wissen, dass wir die Freier anhalten sollen, Kondome zu benützen, weil es vor der Killer-Krankheit (HIV und AIDS) schützt. Auch wenn wir darauf bestehen, dass Kondome benützt werden, zahlen die Freier einfach 25% extra an die Tante. Im Übrigen ist es uns nicht erlaubt zu den Workshops der NGOs zu gehen.

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UNODC: Sind einige der Kunden drogenabhängig?

Munni: Ja, einige sogar. Meist sind sie von Nikotin und Heroin abhängig. Oft sind sie high und können gar nicht richtig reden. Auch zwingen sie uns oft mit ihnen Drogen zu nehmen. Einmal hat mich einer gezwungen Drogen zu schlucken und ich wurde krank und konnte den ganzen Tag nicht mehr arbeiten. Meistens stimmen sie zu Kondome zu verwenden, schaffen es aber wegen der Drogen oft nicht es überzuziehen.

UNODC: Möchtest du nicht Sonagachi verlassen und einen guten Job finden?

Munni: ‚Ma‘ wird mich nie gehen lassen. Sie ist gut zu mir und das ist mein Zuhause. Sie hat mir versprochen mich eines Tages nach Mumbaizu schicken. Ich bin hier freiwillig. Wohin sollte ich auch gehen? Die Gesellschaft wird mich immer eine Nutte nennen. Ich fürchte mich davor, egal wo ich arbeite, vergewaltigt zu werden. Auch wenn ich morgen einen Prinz heirate, teure Saris trage und in einem großen Auto sitze, werde die Leute immer noch nur die Prostituierte in mir sehen. Ich kann das nicht ändern. Ich wollte zwar mal eine Krankenschwester werden und mich um Menschen kümmern. Ich habe auch einen geheimen Liebhaber, der auch einer meiner Stammkunden ist. Er ist Taxifahrer und wir möchten heiraten. Ich werde es nie zulassen, dass eine Tochter im Bordell zur Welt kommt. Sie soll in die Schule gehen und ihren Traum leben.

Originaltext vom UNODC.

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